Schöne „Cabaret“-Inszenierung am Opernhaus Magdeburg

Foto: Andreas Lander

„Cabaret“ von John Kander, Fred Ebb und Joe Masteroff ist ein Klassiker im Musicalbereich. Fast jeder kennt die Geschichte um den erfolglosen englischen Schriftsteller Clifford Bradshaw, der nach Berlin kommt, um Stoff für seinen neuen Roman zu finden und die im Kit Kat Klub angestellte, dort singen und tanzende Amerikanerin Sally Bowles in den Jahren 1929/1930, als der Nationalsozialismus Deutschland ergriff. So behandelt das Stück auch, wie immer mehr Deutsche in diese Richtung denken, man spürt das Brodeln unter der Oberfläche. In dem Stück steht Ernst Ludwig an vorderer Front für dieses Denken und Fräulein Kost folgt ihm. Fräulein Kost lebt in dem Haus, in dem auch Cliff, Sally und die Vermieterin Fräulein Schneider und der Jude Herr Schulz wohnen. Sie erfüllt dort ihre „vaterländlichen Pflichten“ an den Matrosen und bezahlt damit ihre Miete. Das sieht Fräulein Schneider nicht gern, aber was soll sie machen, sie ist auf die Miete angewiesen. Durch einen Zufall kommt es dazu, dass Herr Schulz Fräulein Schneider einen Heiratsantrag macht, den sie auch annimmt. Die Feierlichkeiten enden in abrupt, ausgelöst durch den aufkommenden Nationalsozialismus, genauer gesagt, durch ein Lied, welches die Anwesenden singen, nachdem Fräulein Kost es für Herrn Ludwig anstimmte.

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Dass diese Hochzeit sich nicht schickt, da sie auf die Miete angewiesen ist und nicht weiß, was passiert, wenn ihr der Gewerbeschein bei einer Hochzeit mit einem Juden entzogen wird, wird Fräulein Schneider bewusst und löst die Verlobung auf. Sally und Cliff haben in der Zeit ebenfalls ihre Höhen und Tiefen. So wird Sally schwanger, treibt das Kind aber heimlich ab, was wider Cliffs Willen ist. Er möchte Deutschland wieder verlassen, auch wenn er es wunderschön fand. Das Ticket für Sally lässt er ihr da, falls sie es sich doch noch überlegt und ihm nach Paris folgen möchte. Durch den Abend für der Conférencier, oft präsent, mal erzählend und hinweisend, mal singt er eigene Lieder, mal ist er in die Lieder anderer mit eingebunden.

Oliver Morschel als Clifford spielt souverän seine Rolle. Diese wird in dieser Inszenierung deutlich bisexueller dargestellt, als in anderen Versionen dieses Musicals. Wird es sonst nur mal am Rande angedeutet, so ist es hier ein fester Bestandteil der Inszenierung, der sich durch das ganze Stück zieht. Offen wird gezeigt, wie er immer wieder mit zwei Kit Kat Boys anbandelt und am Anfang verkündet, er habe es bisher drei Mal mit einer Frau versucht, aber ohne Erfolg. Wenn man nicht genau hinschaut, wundert sich der Zuschauer, wie es kommt, dass Sally plötzlich von ihm schwanger ist. Er spielt die Rolle gut, vom von Berlin faszinierten jungen Schriftsteller über den, wie er meint, werdenden, sorgenden Vater, der plötzlich bemerkt, dass ein politischer Wandel in Berlin stattfindet und er feststellt, dass dort nicht mehr der richtige Platz für ihn und Sally ist.

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Sally, sehr aktiv und eine einnehmende Persönlichkeit, ist, so meint sie, in dem unpolitischsten Club Berlins engagiert. Im Kit Kat Klub kann man der Wirklichkeit entfliehen und die Politik Politik sein lassen, denn was geht die Politik sie persönlich an? Anna Preckeler zeigt in diesem Stück, was sie kann. Leicht und beschwingt flirtet sie mit Cliff, zieht spontan bei ihm ein und man denkt, sie hätte ein leichtes Leben. Bis man dann mitbekommt, dass sie schon einige Abtreibungen hinter sich hat und für die Bühne lebt, wo sie aber immer wieder mit Männern schlafen muss um das zu bekommen, was sie möchte. Dass ihr Leben das Cabaret ist, macht sie in dem Song „Cabaret“ deutlich. Sehr gut gesungen, wie aber auch die anderen Lieder, kommt das leicht Hysterische zum Ausdruck, die Verzweiflung und man spürt, dass sie an dem Leben, wie sie es hatte, festhalten möchte. Sehr gelungen ist die Szene, in der veranschaulicht wird, dass Sally abgetrieben hat. „I don’t care much“, gesungen vom Conférencier, stehend auf der hohen Treppe, von Nebel umgeben und mit dezenter Discokugel an der Decke.

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Frau Ruth Müller hat den Part der Fräulein Schneider übernommen. Sehr agil spielt sie diese Rolle und lässt das ältere Fräulein Schneider somit trotz des höheren Alters noch quirlig wirken. Sowohl stimmlich, als auch schauspielerisch ergänzen sich Müller und Peter Wittig, in der Rolle des Obsthändlers Herrn Schulz, perfekt. Schön gesungen zum Beispiel „Nichts wäre mir so lieb (Ananas)“ oder das Lied „Heirat“. Beide verkörpern, dass man auch in älteren Jahren Spaß am Leben haben und eine neue Liebe finden kann. Wittig stellt den Obsthändler sehr korrekt und förmlich da, man empfindet ihn aber durch sein Spiel gleich als Sympathieträger, er zeigt Fräulein Schneider durch kleine Aufmerksamkeiten aus seinem Obstladen, wie gern er sie hat. In dem Lied „Na und?“ stellt Ruth Müller sehr gut die Zerrissenheit dar: Erst möcht sie die vollen einhundert Mark für das Zimmer haben, aber dann denkt sie sich: Besser fünfzig Mark und kein leeres Zimmer, denn fünfzig Mark sind mehr als sie gestern hatte, was macht der Unterschied von fünfzig Mark schon aus. Am Ende wirkt sie wie eine gebrochene Frau, die sich ihrem Schicksal hingeben muss, um überleben zu können in der Zeit der Nationalsozialisten und die ihre Liebe dafür opfern musste („Wie geht’s weiter“).

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Inga Schäfer spielt Fräulein Kost, sie vermittelt eine ruhige Atmosphäre, ist sicher ihrer sicher und weiß, dass Fräulein Schneider sie trotz des häufigen Männerbesuches nicht aus der Wohnung werfen wird. Inga Schäfer spielt die Rolle sehr gut, zeigt den Wandel zur Frau mit Hang zum Nationalsozialismus und beweist ihre gute Stimme bei dem Lied „Der morgige Tag ist mein“. Markus Liske zeigt in der Rolle von Ernst Ludwig, dass Bürger aus dem Volk plötzlich zu Nationalsozialisten werden und für diese arbeiten. Er spielt glaubhaft und ist eine gute Besetzung.

 

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Die heimliche Hauptrolle, die eigentlich nicht als direkte, ansprechbare Person in die Handlung des Stückes verwebt ist, ist der Conférencier, gespielt von Adrian Becker. Eine sehr schöne Rolle, die sehr wichtig für das Stück ist, so verbindet der Conférencier die Zuschauer mit der Handlung, spricht es direkt an, ist gedanklich schon in unserer Zeit angekommen, zum Beispiel mit Anspielungen auf Donald Trump. Das Stück lebt durch ihn auf einer weiteren Ebene, er ist eine herausragende Person. Er vermittelt den Wandel der Zeit, der Gesellschaft. Mit Andeutungen und Liedern gibt er dem Zuschauer zu denken. Großartig sein Opening Song „Willkommen“, mal lustig in „Two ladies“, mal nachdenklich machend bei „Säht ihr sie durch meine Augen“ und mal ernst bei „I don’t care much“. Letzteres einer der Höhepunkte der Show. Adrian Becker ist die perfekte Besetzung für diese Rolle, die einen sehr wandelbaren Darsteller benötigt.

Sehr schön auch die Kostüme von Sebastian Ritschel (der ebenfalls für Regie und Bühne zuständig ist): Nicht zu nackt, aber der damaligen Zeit angepasst, sind die Kostüme der Cabaret-Künstler. Auch alle anderen Kostüme entsprechen der Zeit und sind sehr realistisch; einfach so, wie man sich die Kleidung für das Musical vorstellt, welches nicht zu modern gehalten ist.

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Großartig mal wieder der Aufwand: Der Opernchor des Theaters Magdeburg, der Opernkinderchor des Konservatoriums „Georg Philipp Telemann“, die Statisterie des Theaters und die Magdeburgische Philharmonie unter der Leitung von Damian Omansen sind beteiligt. Oft stehen bis zu vierzig Künstler auf der Bühne. Imposant wirkt es, wenn die Drehbare Treppe mit Darsteller besetzt ist – ein wundervolles Bild. Etwas verwirrend dagegen ist die Darstellung der Wohnungen, so spielt die Handlung am Nollendorfplatz immer in dem gleichen Zimmer. Hier hätte man sich, eventuell durch kleine Veränderungen des Raumes, eine besser erkennbare Trennung von den Wohnungen/des Flures gewünscht.

Die Inszenierung ist sehr gut, vom fröhlichen Berlin bis hin zum Ergreifen der Macht der Nationalsozialisten berührt einen dieses Stück. Die Darsteller sind hervorragend und man verbringt eine schöne, wenn auch zum Nachdenken anregende, Zeit im Opernhaus Magdeburg. Noch zwei Vorstellungen, am 16.03. und 14.04., sind geplant, Karten und Informationen gibt es HIER.

 

 

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